Saturday, Dec. 15, 2018

Ist Online-Poker ein globales Betrugssystem?

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19. April 2012

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Ist Online-Poker ein globales Betrugssystem?

Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara bezeichnete Full Tilt Poker als weltweites Ponzi-System. Full Tilt Poker (FTP) und einige Verantwortliche wurden angeklagt und Millionenbeträge von Privatkonten eingezogen.

An der Bezeichnung Ponzi entzündete sich sofort ein Kampf um die Deutungshoheit. Denn diese Einschätzung könnte sich für die Angeklagten als Haftgrund erweisen. Die Anwälte von Full Tilt behaupteten, dass das Unternehmen unternehmerische Fehler gemacht, aber kein Ponzi-System betrieben habe: »Ein Ponzi-Trick erfordert ein Anlageinstrumentarium, um einen bestimmten hohen Renditesatz zu erzielen. Nichts davon ist hier passiert«, so formulierte der Anwalt von Raymond Bitar, dem CEO des Unternehmens. Ian Imrich, Anwalt von Chris „Jesus“ Ferguson, gab im Wall Street Journal noch eine andere Definition zum Besten: »Während die Regierung offensichtlich Probleme mit den zugrundeliegenden Aktivitäten von Full Tilt Poker hat, können die Aktivitäten eines Online-Pokerraums nach keiner vernünftigen Interpretation als Ponzi-Trick gelten«. Als Anwalt muss man wohl so kenntnisfrei formulieren.

Ferguson ist ein studierter Informatiker und ausgezeichneter Mathematiker. Er galt als das Hirn von Full Tilt Poker. Er sollte es also besser wissen. Denn zumindest in der Schlussphase war Full Tilt eindeutig ein Ponzi-Schema, das von der Hand in den Mund lebte und Geld in Richtung Profis verteilte. Wenn auch nicht jeder das durchschaute oder daran beteiligt war.

Was ist ein Ponzi?

Foto Ponzi - Wikipedia Common

Der italienische Einwanderer „Charles“ Ponzi hatte 1920 Anlegern hohe Renditen von beispielsweise 100 Prozent in 90 Tagen versprochen. Das Geld legte er nicht an, sondern lebte prima davon. Einige Anleger wollten natürlich irgendwann aus dem System aussteigen und deren Gewinne zahlte Ponzi aus den laufenden Einnahmen. Als die Zweifel an den Traumrenditen größer wurden, stiegen immer mehr Teilnehmer aus und das System flog auf. Genau so erging es im Dezember 2008 dem Milliardenbetrüger Bernie Madoff. Der hatte seinen Anlegern ebenfalls Renditen gutgeschrieben und um seine Glaubwürdigkeit zu erhalten auch Anleger immer wieder ausgezahlt. Madoff erhielt im Alter von 73 Jahren eine Strafe von 150 Jahren. In Deutschland gab es zuletzt die spektakuläre Pleite des K1-Fonds, der ebenfalls nach dem beschriebenen Konzept betrieben wurde.

In Deutschland sind so genannte Kettenbriefspiele laut höchstrichterlicher Entscheidung (BGH XI ZR 191/96) verboten. Dabei funktioniert das System ähnlich. Der Erste der Kette lässt sich von sagen wir vier Teilnehmern jeweils 10.000 Euro zahlen. Dafür dürfen diese ebenfalls vier neue Teilnehmer rekrutieren, die ihnen 10.000 Euro zahlen. Die wiederum…Solche Konzepte sind verboten. Denn irgendwann findet sich niemand mehr zum Einzahlen. Pyramidenkonzepte im Strukturvertrieb sind hingegen erlaubt, bringen aber andere Probleme mit sich.

Die Anwälte der Verantwortlichen irren: Bei einem Ponzi wird Geld umverteilt und Aussteiger aus dem System erhalten das Geld nicht beispielweise aus ihnen zustehenden Gewinnzuwächsen, sondern aus den Einzahlungen neuer Einsteiger. Sobald das System Pokerunternehmen deutlich weniger Geld zur Verfügung hat als alle Kunden zusammen Ansprüche haben, dürfte die Bezeichnung Ponzi nicht mehr von der Hand zu weisen sein. Vielleicht wird man einem Unternehmen zugestehen, ein leichtes Minus zuzulassen, wenn dafür die Eigentümer eine Auszahlungsgarantie abgeben. Allerdings: Bei einer derartig großen Diskrepanz von Forderungen in Höhe von 390 Millionen US-Dollar und einem einstelligen Millionen-Dollar-Guthaben, dürfte der Begriff Ponzi bezogen auf das Auszahlsystem im Fall von Full Tilt Poker ohne Zweifel gerechtfertigt sein.

Ist Online-Poker ein Ponzi?

Ponzi könnte auch dem gesamten Online-Poker zuzuordnen sein. Betrachten wir zur Beantwortung dieser Frage den Pokerbetrieb als ein abgeschlossenes System. Online-Poker ist ein Minussummenspiel: Der Betreiber nimmt für seine Tätigkeit eine Gebühr (Rake) von allen Einsätzen. Dazu gibt es bestimmte Regeln, die keine Bedeutung für diese Betrachtung haben. Nehmen wir an, dass eine bestimmte Zahl von Spielern in einem Pokerraum 500 Millionen Euro eingezahlt hat. Durch das viele Spielen und Hin- und Herschieben von Geld fallen im Jahr beispielsweise 20 Prozent an Rake an. Die Gruppe ist bei einer vermutlich anderen Verteilung des Gesamtkuchens nun kollektiv um 100 Millionen Euro leichter, die dem Spielbetreiber zur Kostendeckung und für Promotions dienen. Ein weiteres Jahr später würde bei gleichem Spielverhalten die Gesamtsumme noch 320 Millionen betragen und so weiter. Nur die Verteilung unter den Spielern hat sich vermutlich stark zugunsten guter Spieler geändert.

Aber: Die Spieler bekommen für den kleineren Kuchen Entertainment. Da die Betreiber weiterhin lieber 100 Millionen anstatt 80 Millionen verdienen, suchen sie immer wieder nach neuen Spielern, die frisches Geld einzahlen und so fällt das geringere zikulierende Gesamtkapital nicht weiter auf.

Ganz klar: Online-Poker ist kein Ponzi. Das System der Gebühren dürfte allgemein bekannt sein und ist ein ganz normaler Geschäftsbetrieb. Allerdings muss das System immer einigermaßen für einen Bankrun auszahlbereit sein.

 

Die Gretchenfrage

Ab wann war FTP ein Ponzi-System, das seine Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlen konnte. Schauen wir erneut auf die immer noch dürftige Faktenlage. Die Konten der Aufsichtsräte Howard Lederer, Chris Ferguson und anderer wurden beschlagnahmt. Der Aufsichtsrat und das Management sollen seit dem April 2007 über 440 Millionen Dollar entnommen haben. Auch das ist nicht verboten, solange die Rückzahlung aller Spieler und der Geschäftsbetrieb jederzeit gewährleistet sind. Ob die Entnahmen richtig verbucht waren, kann man aus der Ferne und ohne Kenntnisse der einschlägigen Regeln in dem betreffenden Rechtsraum einer offensichtlichen Bananenrepublik natürlich nicht beurteilen.

Die Staatsanwaltschaft gab in der Presseerklärung noch andere Hinweise: Die Konten mit Kundengeldern wurden offenbar gepoolt mit dem Geld des Unternehmens. Das dürfte in den meisten Staaten dieser Welt gegen so ziemlich alle Vorschriften für Umgang mit fremdem Kapital verstoßen. Im Finanzmarkt jedenfalls würde so etwas schon für Untreue genügen. In Aruba, dem Sitz des Unternehmens, ist diese Bewertung nicht so eindeutig zu beantworten. Und tatsächlich: Spätestens ab diesem Zeitpunkt begann das Chaos. Zudem akzeptierte FTP Einzahlungen von US-Spielern, deren Konten nicht belastet werden konnten. Eine fatale Entscheidung aus Gier und vermutlich der Kardinalfehler. Alle Spieler waren ab diesem Zeitpunkt der Gefahr ausgesetzt, bei Gewinn kein Geld mehr zu erhalten. Die genaue Bewertung dürften Gerichte später noch vornehmen.

Verantwortung

Was wussten die Pokersuperstars im Unternehmen? Welche Verantwortung haben die Spieler in den Gremien des Unternehmens. Richtig ist sicher: Aufsichtsrat ist man nicht nur, um Geld zu kassieren und sich kostengünstige Kredite zu gewähren. In ihrer Rolle dürften Howard Lederer und Chris Ferguson und die anderen Board-Mitglieder hierzulande oder in den USA Schwierigkeiten bekommen. Auf der anderen Seite kam es bislang nicht zur Anklage. Das könnte mit dem Sitz des Unternehmens zusammenhängen: Aruba auf den niederländischen Antillen.

Außerdem scheint FTP groß im Kreditgeschäft für Pokerprofis eingestiegen zu sein. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Eigenschaft als Ponzi früher eingetreten ist. Dann dürfte manche Zahlungen an Profis zurückverlangt werden. Auch könnte manche Privilegien (Rake-free) abgewickelt werden, um den Kuchen zu erweitern. Man wird sehen.

Wegen des Firmensitzes kann die US-Staatsanwaltschaft vermutlich nur wegen Betrugs ermitteln und daher hat sie das Unternehmen wohl als Ponzi eingeordnet. Man wird sehen, ob Aruba nachzieht und ebenfalls Ermittlungen anstellt. Seit 2009 ist Aruba nicht mehr auf der OECD-Liste für Steueroasen zu finden, aber durch scharfe Regulierung ist man bislang dennoch nicht aufgefallen. Die Vorteile der Unternehmensform AVV bzw. Aruba Exempt Company scheint jedenfalls einer Bananenrepublik angemessen zu sein: »The AVV is exempt from several obligations. Annual financial statements are not required, AVV is exempt from currency restrictions. The Articles of Association of the Aruba Exempt Company can determine where the general meetings of the shareholders will be held. These may take place anywhere in the world«. (Informationen dazu).

Wie es weitergehen könnte und wie sich die Branche besser aufstellen sollte, lesen Sie im dritten Teil.

 Artikelbild: Originalausgabe Boston Post.

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Der Autor

Thorsten Cmiel

Thorsten Cmiel ist Chefredakteur von Investment Alternativen. Der studierte Ökonom ist seit über 15 Jahren als Finanzjournalist und Buchautor tätig.