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Trader sind keine Zocker. Ein Gespräch mit Giovanni Cicivelli.

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27. April 2012

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Trader sind keine Zocker. Ein Gespräch mit Giovanni Cicivelli.

Giovanni Cicivelli ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Aktientrader in Deutschland. Ein Gespräch über Zocken, eine abgebrochene Bankausbildung, Traden an den Finanzmärkten und Vorurteile.

Über Zocken und professionelles Traden 

Herr Cicivelli, Sie sind Trader mit einer für Investoren oft sehr kurzen Haltezeit. Sind Sie ein Zocker?

Nein. Da sind Sie bei mir genau an der falschen Adresse. Ich gehe beispielsweise nur dann Risiken am Kapitalmarkt ein, wenn ich ein Chance-Risiko-Verhältnis von mindestens 50 Prozent erzielen kann. Damit ist gemeint, dass ich im Regelfall nie mehr Geld riskiere als ich gewinnen kann. Zudem versuche ich meine Erfahrung im Markt auszunutzen und muss mindestens subjektiv eine Gewinnchance von 70 Prozent sehen. So verstanden ist Trading keine Zockerei, sondern das genaue Gegenteil. Die wahren Zocker gehen ins Spielkasino oder spielen Lotto. Wer zockt, der vertraut auf sein Glück. Ich verstehe erfolgreiches Traden als das Resultat täglicher Arbeit.

Wer sind aus Ihrer Sicht die Zocker im Markt?

Zocker im Markt sind auf keinen Fall die professionellen Marktteilnehmer. Denn nur wer keinen Plan und keine Strategie beim Traden verfolgt, der kann als Zocker bezeichnet werden. Natürlich gibt es Trader, aber vor allem auch Anleger, die „blind“ auf Zuruf in den Markt gehen. Diese sind getrieben von der Hoffnung, dass sich der Kurs in die gewünschte Richtung bewegt.

Sie wollten ursprünglich mal Banker werden. Dann haben Sie die Ausbildung abgebrochen. Wie kam es dazu?

Das ist richtig. Ich war schon sehr früh am Börsenhandel interessiert. Ein Börsenspiel in der Schule hatte es mir angetan. Nach dem Abitur begann ich eine Ausbildung als Banker. In den Mittagspausen ging ich regelmäßig nach Hause, um damals noch mit Pin- und Tan-Nummern Aktien zu kaufen und zu verkaufen. Das klappte sogar ganz gut. Aus heutiger Sicht hatte ich viel Glück. Nach einem Schlüsselereignis habe ich meine Lehre abgebrochen.

Was ist passiert?

Ich nahm als Azubi an einem Kundengespräch einer Beraterin teil. Eine aufgeregte Kundin erkundigte sich in einem der Gespräche besorgt bei der Bankerin, warum ihre Aktien um etwa die Hälfte im Preis gefallen seien. Die Beraterin verwies darauf, dass Aktien sehr riskant seien und hohe Kursschwankungen seien gehören dazu. Ich kannte den wirklichen Grund. Das Unternehmen hatte gerade einen Aktiensplit vollzogen und die Kundin daher doppelt so viele Aktien im Depot. Natürlich konnte ich als passiver Zuhörer nichts sagen. Aber lernen konnte ich in der Bank auch nichts mehr. Ich kündigte meinen Ausbildungsvertrag.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich dann auf das Traden konzentriert und hatte zu Beginn nicht den nötigen Erfolg.

Sie haben gezockt…

Für diese Phase gilt das sicherlich. Ich habe mir dann die notwendige Ernsthaftigkeit selbst anerzogen. Inzwischen kenne ich wie alle erfolgreichen Trader die Bedeutung von Risk- und Moneymanagement. Das sind Regeln, die ich mir als Trader setze, um meine Risiken strikt zu begrenzen. Ich kaufe Aktien nie, ohne vorher einen Stoppkurs festzulegen und das erwähnte Chance-Risiko-Verhältnis zu beachten. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg kam dann schnell auch die notwendige Sicherheit hinzu. Aber meine Anfangsschwierigkeiten sind typisch für uns Trader. Man lernt nur aus Fehlern. Entscheidend ist es dann, diese schnellstmöglich abzustellen und nie wieder erneut zu begehen.

Über Vorurteile und einen typischen Handelstag

In Ihrem Buch beschreiben Sie einige Ihrer Trades. Diese hören sich sehr einfach und logisch an. Politiker nennen das Ergebnis Ihres Berufs leistungsloses Einkommen. Fühlen Sie sich in Ihrer Profession als Trader verstanden?

Natürlich nicht. Insbesondere Politiker verstehen oder wollen nicht verstehen was ein Trader tatsächlich macht und was seine Intention ist. Natürlich produzieren wir Trader nichts im herkömmlichen Sinne. Keine Autos und keine Solaranlagen. Aber das tun viele Dienstleister auch nicht.

Wofür braucht man Trader?

Wir Trader sorgen in den Märkten für genügend Liquidität. Diese Liquidität ermöglicht eine faire Kursfeststellung und dient einem transparenteren Handel. Ohne diese Liquidität wären Kurse gerade bei marktengeren Werten niedriger oder das Ergebnis von Zufällen. Wir Trader machen mit unseren Orders beispielsweise auf Preismissstände aufmerksam. Das sind zum einen zu hohe oder zu niedrige Kurse und zum anderen übernehmen manche Trader wichtige Ausgleichsfunktionen durch Arbitrage. Ein Beispiel dazu: An einem Handelsplatz wird für eine Aktie ein Kurs von 100 Euro geboten. Dann kauft der Trader das Wertpapier an einem Platz für 95 Euro an und verkauft es im Prinzip zeitgleich mit einem Gewinn von 5 Euro je Aktie. Das passiert im Internethandel ständig und auch im Supermarkt gibt es nicht in jedem Laden identische Preise.

Beschreiben Sie ihren typischen Arbeitstag…

Ich stehe morgens kurz nach 7 Uhr auf. Spätestens 7:45 sitze ich dann am Rechner und beginne meine Newsticker durchzusehen. Ich schaue mir wichtige deutsche und europäische Unternehmensnews an, schaue was in den USA nachbörslich passiert ist und wie die Performance der asiatischen Märkte war. Hinzu kommen die Durchsicht von Analystenkommentaren und die Suche nach Gerüchten. Mit Hilfe all dieser Informationen erstelle ich meine tägliche Wachtlist, das sind die für mich interessanten Aktien des anstehenden Handelstages. Punkt 8 Uhr beginnt der vorbörsliche und um 9 Uhr dann der reguläre Börsenhandel. Dann versuche ich die Aktien meiner Wachtlist zu traden. Je nachdem wie viel an den Märkten los ist, fällt die Mittagspause länger oder kürzer aus. Am Nachmittag kommt dann meist nochmal Bewegung mit der US-Eröffnung rein und um spätestens 17:30 ist dann Schluss. An sehr volatilen Tagen kann es aber auch noch bis 23 Uhr gehen. Zum Schluss bereite ich noch den Handelstag auf. Dazu gehört das „Abrechnen“ der Trades.

Welche Handelsinstrumente und Techniken setzen Sie ein?

Ich bin ein klassicher diskretionärer Daytrader und trade zu 95 Prozent Aktien physisch, dazu kommen noch Devisen am Spot Markt und ab und an handle ich mal Indizes über Futures. Ich bin eher ein News- und Orderbuchtrader. Aus dem Grunde greife ich auf zahlreiche Echtzeitnachrichten zurück und treffe dann sehr schnell meine Handelsentscheidungen. Vor allem trade ich aus dem Xetra-Orderbuch heraus und versuche dort die Kursrichtung einer Aktie zu erkennen. Ich stelle mich nie gegen den Markt. Das wäre eine falsche Herangehensweise.

Über das KISS-Prinzip und das Shorten von Staatsanleihen

In manchen Fragen entstehen Glaubenskriege an der Börse. Das betrifft die Fundamental- und Chartanalyse. Aber auch Indikatoren. Welche Bedeutung haben Indikatoren für Sie und wie denken Sie über die zahlreichen Indikatoren?

Für mein Aktientrading hat die Chartanalyse so gut wie keine Bedeutung da ich nach News und Orderbuch handle. Ich öffne den Tageschart der entsprechenden Aktie nur zur visuellen Unterstützung meines Trades. Devisen handle ich ausschließlich nach Charts und Indikatoren. Hier funktioniert die Chart-Technik meiner Meinung nach sehr gut, da der Devisenmarkt ein hochliquider Markt ist. Indikatoren brauchen, um aussagekräftig zu sein, viel Input. Diesen bekommt ein Indikator durch viele Kursfeststellungen und diese sind im Devisenmarkt gegeben. Bei einigen Aktien, vor allem bei Nebenwerten, gibt es nur einige Kursfeststellungen am Tag, so dass Indikatoren und Charts keine wirkliche Aussagekraft haben.

Indikatoren können, wenn sie richtig eingesetzt werden, dem Trader bei seinen Trades unterstützen. Ein Chart sollte aber nie mit zu vielen Indikatoren überflutet werden, da viele Indikatoren auf Dauer nur verwirren. Beispielsweise können drei von fünf Indikatoren ein Kaufsignal generieren, während die anderen zwei genau das Gegenteil aussagen. Für uns Trader gilt als übergeordnete Maxime vor allem das Streben nach dem KISS-Prinzip. Keep it stupid simple.

Wenn ein Trader wie Sie in Anleihen „short“ geht. Sagen wir von Griechenland. Spekuliert er dann gegen Griechenland oder gegen die Eurozone?

Weder noch. Ein langfristig orientierter Trader verfolgt möglicherweise solche Ziele, aber ein Daytrader wie ich handelt nur die News des jeweiligen Handelstages. Hier geht es nicht darum, gegen Griechenland oder die Eurozone zu spekulieren. Ich spekuliere nicht, sondern ich handle die News. Veröffentlicht Daimler beispielsweise seine Quartalszahlen und diese fallen hervorragend und weitaus besser als von den Marktteilnehmern erwartet aus, dann versuche ich so schnell wie möglich die Aktie zu kaufen. Ebenso agiere ich bei Griechenlandanleihen und positioniere mich je nach Einschätzung der News.

Sie sind gebürtiger Italiener aus Messina in Sizilien, bevor Sie als kleiner Junge mit Ihrer Mutter nach Deutschland ausgewandert sind. Würden Sie auch italienische Anleihen „shorten“? Oder gibt es nationale Hemmungen?

Natürlich würde ich auch italienische Anleihen shorten oder kaufen. Da gibt es bei mir keine Hemmungen, denn ich begreife meine Tätigkeit als neutraler Teilnehmer am Marktgeschehen. Übrigens zu einem Handelsgeschäft gehören immer zwei Teilnehmer. Es genügt ja nicht Wertpapiere zu verkaufen, um die Preise zu drücken. So einfach funktioniert Geldverdienen mit Wertpapierhandel nicht.

Über Hochfrequenzhandel, Finanzmarkttransaktionssteuer und Tipps für Anleger

Verstehen Sie das Unbehagen mancher Außenstehender gegenüber dem Geschehen am Finanzmarkt?

Ja, verstehen kann ich das sogar sehr gut. Nur leider ist die Ursache für manches fehlende Verständnis das Resultat von Unwissenheit oder Fehlinformationen. In der Öffentlichkeit werden manche Vorurteile über Finanzmarktteilnehmer so lange bedient, bis sich die Mehrheitsmeinung gebildet hat. Damit muss man als Trader wohl leben. Aus meiner Sicht hilft eine pauschale Kritik an einer ganzen Berufsgruppe jedenfalls nicht weiter. Ich beispielsweise riskiere mein eigenes Geld und daher gehe ich mit meinen Handelspositionen sehr sorgfältig um. Für Handelsskandale bei Banken beim Umgang mit fremdem Geld habe ich als privater Trader auch kein Verständnis.

Im Jahr 2010 gab es einen Flashcrash an den US-Börsen. Der Dow Jones verlor binnen 30 Minuten etwa zehn Prozent. Ausgelöst wurde dieser durch Hochfrequenzhandel. Wie denken Sie darüber?

Der Hochfrequenzhandel ist meiner Meinung nach ein reiner Insiderhandel und sollte verboten werden. Es kann nicht im Interesse der Markttransparenz und der Gleichheit aller Marktteilnehmer sein, dass es einige Akteure einen Bruchteil einer Sekunde schneller an Informationen kommen und diese zu ihren Gunsten verarbeiten dürfen. Ich bin zwar kein Jurist, aber das ist für mich Insiderhandel, da einige Marktteilnehmer die Information einer eingehenden Order früher als andere erhalten und dadurch einen unangemessenen Vorteil erlangen. Um Chancen- und Marktgleichheit zu gewährleisten sollte dieser Missstand behoben werden.

Eine Frage an den Praktiker: Politiker überlegen insbesondere in Deutschland das Einführen einer Finanztransaktionssteuer. Falls diese wirklich kommt: Welche Folgen hätte das für das Marktgeschehen?

Am Beispiel von Schweden können wir sehr gut die Auswirkungen einer solchen Steuer sehen. Der größte Teil der Liquidität im Markt würde abwandern und auf andere Handelsplätze ausweichen, so dass kein transparenter Handel mit fairer Preisfeststellung mehr stattfindet. Durch eine wahrscheinliche Verlagerung wären dann vermutlich sehr viele Arbeitsplätze hierzulande betroffen. Eine solche Steuer macht aus meiner Sicht nur Sinn, wenn sie ohne Ausnahmen weltweit umgesetzt würde. Nur so könnte die „Flucht“ auf andere Börsenschauplätze verhindert werden.

Was können längerfristig orientierte Anleger und Investoren von Tradern lernen?

Traden ist natürlich eine völlig andere Disziplin als Geld langfristig anzulegen. Ich denke Anleger sollten über den Umgang mit Gewinnen und Verlusten neu nachdenken. Verlustpositionen sollten Anleger frühzeitig realisieren, anstatt Kursleichen zu bunkern. Auch das regelmäßige Mitnehmen von Gewinnen ist sicher sinnvoll und entspricht meiner persönlichen Philosophie als Trader. Zudem arbeite ich immer mit Kurszielen und Stopp-Kursen. Auch für Anleger könnten solche Kursmarken zumindest disziplinierend wirken. Auch für eigenverantwortliche Anleger gilt wie für Trader. Es kommt bei der Geldanlage auf drei Dinge an: Disziplin, Disziplin und Disziplin.

Kommen wir zum Schluss zu den wirklich wichtigen Dingen: In wenigen Wochen beginnt die Euro 2012. Wer wird Fußballeuropameister?

Die Spanier haben eine sehr gute, kompakte Mannschaft. Ich glaube Spanien kann es wieder packen.

Was sagt das Herz?

Deutschland oder Italien.

Giovanni Cicivelli ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten privaten Aktientrader in Deutschland. Im Jahr 2012 erschien sein Buch Beruf(ung) Trader im Börsenbuchverlag.

Das Gespräch mit Giovanni Cicivelli führte Thorsten Cmiel auf der Invest 2012.

 

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Der Autor

Thorsten Cmiel

Thorsten Cmiel ist Chefredakteur von Investment Alternativen. Der studierte Ökonom ist seit über 15 Jahren als Finanzjournalist und Buchautor tätig.