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Deutschland braucht 20.000 Zuwanderer monatlich

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10. April 2013

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Deutschland braucht 20.000 Zuwanderer monatlich

Das Berlin-Institut für Bevölkerung hat errechnet, dass die Zahl der Arbeitnehmer in Deutschland dramatisch schrumpft.

Von den jetzt ca. 42 Millionen Arbeitnehmern sind in zwanzig Jahren nur noch etwa 32 Millionen übrig. Der Grund: Renteneintritt der Babyboomerjahrgänge und fehlende Kinder. Zehn Millionen oder ein Viertel weniger Arbeitnehmer lässt alle Sozial- und Steuersysteme kollabieren und gefährdet den Wohlstand in Deutschland. Nur Arbeitnehmer lassen Fabriken und Handwerksbetriebe laufen und bringen Steuern und Sozialabgaben. Zu heutigen Werten ergeben 10 Millionen fehlende Arbeitnehmer ein jährliches Minus an Steuern und Sozialabgaben von 249 Mrd. Euro.

Quelle/Rechte: Berlin Institute für Bevölkerung und Entwicklung, erstellt durch Daten des statistischen Bundesamtes.

Kein Industrieland wird in den kommenden fünfzig Jahren so stark an wirtschaftlicher Bedeutung verlieren wie Deutschland. Zu diesem Schluss kommt die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) in einer im November 2012 vorgestellten Langzeitstudie. Auch durch Zuwanderung kann das Minus nicht ausgeglichen werden.

Es ist das Phänomen einer Tsunamiwelle, dass ihr Herannahen nicht wahrgenommen wird. Nur Statistiker können nachts nicht schlafen. In der Öffentlichkeit spürt man nicht, dass dieser Tsunami auf uns zurollt. Verantwortliche Politiker sind aufgerufen, mit allen Mitteln gegenzusteuern.

Gegenmaßnahmen sind: Rentenbeginn mit 67 konsequenter umsetzen; Pensionsbeginn für Beamte hinausschieben; Frühverrentung schärfer gegensteuern; Familienpolitik ändern, damit Frauen Vollzeit arbeiten können wie in den Nachbarländern; Hartz-IV-Empfänger in „Arbeit“ bringen; Studenten beenden das Studium in jüngeren Jahren; Einwanderung auf kanadisches System umstellen mit dem Ziel, mindestens 240.000 qualifizierte, zusätzliche Einwanderer zu gewinnen; Großzügiges Anwerbeprogramm für ausländische Studenten entwickeln.

Hinzu kommen die langfristig wirkenden Stellschrauben: Neu justierte Familienpolitik, damit mehr Kinder geboren werden und eine komplett geänderte Bildungspolitik, damit Hartz IV- und Migrantenkinder bessere Chancen haben und Mütter von Ganztagsschulen profitieren.

Nur wenn in Deutschland das Thema Einwanderung mit anderen Augen gesehen wird, können wir den Absturz abmildern. Selbst bei einem Wanderungsgewinn (Saldo zwischen Einwanderern und Auswanderern) von 200.000 Erwerbstätigen plus steigende Erwerbsquoten verringert sich die Zahl der Arbeitnehmer von 42 Millionen auf etwa 36 Millionen.

Um den volkswirtschaftlichen Schaden des demografischen Wandels gering zu halten, sollte Deutschland daher Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben – vor allem Hochqualifizierte werden in Zukunft benötigt. Wegen der verquasten deutschen Einwanderungspolitik kommen im Gegensatz zu Kanada, Österreich und Australien zu wenig qualifizierte Einwanderer nach Deutschland.

Das liegt an unserem eindeutigen politischen Signal. Grundsätzlich gilt noch der Anwerbestopp von 1973. Noch immer verhandeln die Parteien zäh über jede Ausnahmeregelung. Die Grundhaltung hinter dieser Politik ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Sie muss umgekehrt werden. Deutschland sollte die positive Botschaft aussenden: Ja, wir wollen Zuwanderung. Und wir haben klare Kriterien, wer willkommen ist.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung weist am 26.1.2010 auf ein Tabuthema hin: Das ist die Einwanderung in das deutsche Sozialsystem. Sie schreibt: „Wer das anspricht, muss mit wütender Empörung der Wohlfahrtsanhänger rechnen. Hierzu einige erstaunenswerte Zahlen des statistischen Bundesamtes: Von 1970 bis 2003 stieg die Zahl der Ausländer in Deutschland von 3 auf 7,3 Millionen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Ausländer blieb dagegen mit 1,8 Millionen konstant. Ein Großteil der Einwanderung nach Deutschland ging also am Arbeitsmarkt vorbei in das Sozialsystem. Weder die EU noch Deutschland können nichtarbeitsfähige und nichtarbeitswillige Einwanderer auf Dauer im Lande finanzieren“.

Die bisher hereingelassenen Einwanderer sind nicht diejenigen, die wir benötigen. Für die Steuerung bieten sich aus der internationalen Erfahrung genügend Modelle an. Die Vereinigten Staaten verfahren nach dem Grundsatz: Wer eine Job-Zusage hat, darf rein. Kanada hingegen hat ein längerfristig orientiertes Punktesystem: Je höher qualifiziert jemand ist, desto mehr Punkte erhält er. In einer Studie erklärt das Berlin-Institut für Bevölkerung, was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann.

Um die Erwerbsbevölkerung über Zuwanderung aufzufrischen, kann sich Deutschland langfristig nicht einzig auf Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten verlassen. Die EU-Zuwanderer werden nur vergleichsweise selten dauerhafte Mitbürger. Die meisten kehren nach einiger Zeit in ihre Heimatländer zurück.

In vielen asiatischen Staaten gibt es eine große Zahl gut qualifizierter Arbeitnehmer ohne Aussicht auf Arbeit. Sie sind hochmotiviert und würden gerne kommen. Wenn wir unsere Einwanderungspolitik grundsätzlich ändern, indem wir Hochqualifizierten und ihren Familien großzügig Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen auf Dauer erteilen, können wir rasch eine große Zahl leistungsfähiger Arbeitnehmer gewinnen.

Ein gutes Steuerungsmodell ist jedoch ebenso wenig wert wie gute Verdienstmöglichkeiten, solange Willkommenskultur ein Lippenbekenntnis bleibt. Hochqualifizierte können sich weltweit aussuchen, in welches Land sie gehen. Deshalb schauen sie nicht nur auf die eigenen beruflichen Möglichkeiten und das Aufenthaltsrecht. Sie interessieren sich auch für die Chancen ihrer Familien, im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Eine jährliche Zuwanderung von 200.000 Arbeitnehmern bedeutet zu heutigen Werten ein jährliches Plus von 5 Mrd. Euro an Steuern und Sozialabgaben. Jeder zusätzliche Einwanderer erbringt ca. 25.000 Euro, jedes Jahr.

Die Anwerbung einer hohen Zahl ausländischer Studenten kann und sollte schnell umgesetzt werden. Die großzügige Vergabe von Stipendien mit der Verpflichtung, nach dem Abschluss fünf Jahre in Deutschland zu arbeiten, wird einen guten Sog bewirken. Wenn diese Regelung mit einer attraktiven Bafög-Regelung kombiniert wird, sollten wir nicht Angst vor fehlendem Nachwuchs haben. Bei einer solchen Regelung ist auch kein Brain-Drain-Vorwurf zu erwarten.

QUELLE: Kapstadt, 9.4.2013, Wilhelm Heineking.

Zum Autor:

Quelle/Rechte: Wilhelm Heineking.

Wilhelm Heineking ist seit über 40 Jahren als selbstständiger Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater tätig. Von 1995 bis 2004 war er FDP-Mitglied. 1996 kandidierte er gegen Jürgen Möllemann um den Vorsitz der FDP in Nordrhein-Westfalen.

Regelmäßig ist er Kommentator beim Handelsblatt.
Heineking lebt in Seefeld/Bayern und Kapstadt.
© Wilhelm Heineking.

Fakten zum Buch

Merkbrück, was nun? Antworten auf die dringensten Fragen der Deutschen.
Mit einem Vorwort von Dr. Patrick Adenauer.
Autor: Wilhelm Heineking
ISBN: 978-3-864700-85-9
Seiten: 304
Erscheinungsdatum: 08.04.2013
Art: gebunden mit SU
Preis: 19,90 €

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Artikelbildquelle/-rechte: Börsenmedien AG, Kulmbach.
Grafikquelle/-rechte: Berlin Institute für Bevölkerung und Entwicklung, erstellt durch Daten des statistischen Bundesamtes.

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